„Langfristig denken und nachhaltig handeln“

Das Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Schönfeld

Redaktion: In diesen Monaten wird in Deutschland häufig auf die vergangenen 25 Jahre zurückgeblickt. Was bewegt Sie bei dem Gedanken an die Zeit seit 1990?

Karl-Heinz Schönfeld: Nun, aus Sicht der Genossenschaft würde ich diese Jahre in zwei Hälften teilen: Zunächst ging es darum, die Genossenschaft auf die Marktwirtschaft einzustellen und in der Wohnqualität einen weiten Sprung nach vorn zu machen. Als wir dies geschafft hatten, traten Aufgaben wie die Entwicklung und Umsetzung der ökologisch-sozialen Unternehmensstrategie in den Mittelpunkt.
Auch für mich persönlich waren das spannende Jahre. Mitglied der Genossenschaft bin ich seit 1982. 1990 in den Aufsichtsrat gewählt, übernahm ich sechs Jahre später Verantwortung im Vorstand. Insofern ist auch ein großer Teil meines Lebens direkt mit der WGH verknüpft. 

Redaktion: Welche Hürden musste die Genossenschaft konkret nehmen?

Karl-Heinz Schönfeld: Direkt nach der Wiedervereinigung hatten wir ein lachendes und ein weinendes Auge. Grund zur Freude war die wiedererlangte Entscheidungsfreiheit, die es dem Unternehmen ermöglichte, den Weg in die Zukunft selbst zu bestimmen. Hingegen bereitete uns die wirtschaftliche Situation Kopfzerbrechen. So standen wir vor der schwierigen Situation, mit Miet-Einnahmen, die zunächst auf dem niedrigen DDR-Niveau verharrten, Ausgaben bestreiten zu müssen, die schon Westniveau hatten. Das konnte nicht lange gut gehen.

Auch die Finanzierung der notwendigen Investitionen gestaltete sich kompliziert. Unsere Mitglieder erwarteten eine rasche Verbesserung ihrer Wohnqualität. Das Geld dafür konnte nur von den Banken kommen. Die taten sich aber mit der Kreditvergabe schwer, weil der Genossenschaft zwar die Häuser gehörten, jedoch noch nicht der Grund, auf dem die Häuser standen. Die Grundstücke wurden erst nach und nach zurück übertragen. Ohne Eigentum an Grund und Boden, konnten wir den Banken für ihre Kredite aber kaum Sicherheiten bieten.

Hinzu kamen noch „DDR-Altschulden“, die per Gesetz einfach auf die einzelnen Wohnungs-unternehmen verteilt wurden. Auch die sollten über die Mieten abgestottert werden. Kurz: Wir hatten geringe Einnahmen, dafür aber hohe Kosten und sollten mit den Mini-Mieten auch noch Altschulden und den Investitionsstau finanzieren.

Redaktion: Wie wurde diese Situation gelöst?

Karl-Heinz Schönfeld: Grundlage für die wirtschaftliche Stabilisierung waren mehrere Bundesgesetze, mit denen die Politik teilweise eigene Fehler des Vereinigungsprozesses korrigierte. Die Grundstücke wurden wieder genossenschaftliches Eigentum und es gab mehrstufige Mietenanpassungen. Der Bundestag beschloss ein Altschuldenhilfegesetz, weshalb uns im Gegenzug für die Privatisierung von rund 1.000 Genossenschaftswohnungen ein Teil der DDR-Altschulden erlassen wurde. So verbesserten sich die Rahmenbedingungen immer mehr, und wir konnten ab Mitte der 1990er-Jahre beginnen, den angehäuften Investitionsstau abzubauen. Man muss bedenken, dass damals die Hälfte der Mitglieder ihre Wohnungen noch mit Kachel- und Badeofen heizen musste, und eine zentrale Heizung mit Warmwasserversorgung längst kein selbstverständlicher Mindeststandard war.

Redaktion: Trotz der Investitionen in die Wohnqualität wurden über 1.000 Wohnungen der Genossen-schaft abgerissen. Wie passt das zusammen?

Karl-Heinz Schönfeld: In Halberstadt kam es ab Mitte der 1990’er Jahre zu einer gefährlichen Mixtur: Obwohl die Einwohnerzahl ständig weiter zurückging, wurden am Stadtrand immer neue Baugebiete ausgewiesen, kurioser Weise für Mehrfamilienhäuser. Am Ende drohte der Wohnungsmarkt wegen des Überangebots an Wohnungen völlig aus den Fugen zu geraten, Angebot und Nachfrage befanden sich nicht mehr im Gleichgewicht. Wenn die Eigentümer der Wohnungen dann kein Geld mehr für Reparaturen oder Investitionen erwirtschaften können, sind die Leidtragenden im Endeffekt die Mieter.

Vor dieser Entwicklung haben wir frühzeitig gewarnt, wurden vom Rathaus aber weitgehend ignoriert. Trotzdem haben wir dann Verantwortung übernommen und insgesamt 1.250 WGH-Wohnungen im Rahmen des „Stadtumbau Ost“ abgerissen. Das ist bislang noch immer der größte Beitrag eines Eigentümers in Halberstadt zur Gesundung des Wohnungsmarktes.

Redaktion: Stichwort Stadtumbau Ost. Die WGH hat nicht nur abgerissen, sondern auch städtebau-liche Akzente gesetzt und ökologische Stadtentwicklung betrieben.

Karl-Heinz Schönfeld: Richtig. Als langfristig denkender und nachhaltig handelnder Investor haben wir die Gelegenheit genutzt, um unsere sozial-ökologische Unternehmensstrategie umzusetzen. Das bedeutet, dass wir - ausgehend von den Bedürfnissen unserer Mitglieder - zwei Schwerpunkte setzen: erstens kontinuierlicher Abbau von Barrieren beim Wohnen für alle Generationen und zweitens die Verwendung grüner Energie für die Versorgung unserer Wohnungen.

Beide Ansprüche verknüpfen wir bei Neubauten mit der Revitalisierung städtischer Brachflächen und zeitgemäßer Architektur. Auch bei der Modernisierung bestehender Gebäude gehen wir  diesen Weg. Wir rüsten Personenaufzüge und Solarkollektoren zur Heizung und Warmwasserbereitung nach. Im Jahr 2016 werden die Wohnungen in 100 Hauseingängen bequem mit Lift zu erreichen sein und bereits heute versorgen wir über die Hälfte unserer Wohnungen ganz bzw. teilweise mit erneuerbarer Energie.

Insgesamt haben wir in den letzten zwei Jahrzehnten 200 Millionen Euro in die Wohnungen der Genossenschaft und in die Stadtentwicklung investiert. Damit sind wir der größte ,private‘ Investor in Halberstadt und ein wichtiger Auftraggeber. Über diese Aufträge sichern wir  Jahr für Jahr die Arbeitsplätze von rund 200 Handwerkern, Bauarbeitern, Dienstleistern, Ingenieuren, Architekten. Durch die daraus generierten direkten bzw. indirekten Steuern  leisten wir einen wichtigen Beitrag für die Einnahmen der Kommune. Insofern beobachten wir auch regelmäßig, was mit diesen Steuergeldern geschieht.

Redaktion: Noch ein anderes Thema. In den vergangenen Monaten war häufig von Konflikten zwischen der Genossenschaft und dem Rathaus zu hören und zu lesen. Warum gibt es Streit?

Karl-Heinz Schönfeld: Wenn man wie die Wohnungsbaugenossenschaft eine langfristig und nachhaltig angelegte Unternehmensstrategie verfolgt, sind stabile Rahmenbedingungen enorm wichtig. Auf Landes- und Bundesebene sehen wir dies berücksichtigt. Mit zunehmender Sorge registrieren wir jedoch, dass die Rahmenbedingungen hier vor Ort mehr und mehr von Einzelinteressen getrieben sind und immer weniger verlässlich werden. Wenn z.B. die Kommunalpolitiker den Bürgern per Satzung plötzlich vorschreiben, womit sie ihre Gebäude zu beheizen haben und wer diese Energie monopolartig liefern darf, können wir das nicht so einfach hinnehmen. Hier sollen Monopole geschaffen werden, die langfristig für niemanden gut sind. Das kann die gedeihliche Entwicklung nicht nur der Genossenschaft erheblich beeinträchtigen. Deshalb wehren wir uns, und wenn es sein muss, verteidigen wir als Vorstand das Recht der Genossenschaft, frei über ihr Eigentum zu entscheiden, auch mit gerichtlichen Mitteln.

Redaktion: Wir bedanken uns für dieses Gespräch.